Verrücktsein ist normal !
Campino (Leadsänger „ Die Toten Hosen“)

 

Es ist schon seltsam, wie sich manche Dinge im Leben entwickeln. Als ich ein kleiner Junge war, haben viele Leute über mich gesagt, ich sei „nicht ganz normal“. Das sagt man auch heute noch des öfteren über mich, aber mit einem ganz anderen Tonfall. Früher wurde ich für mein „Andersein“ gehänselt - heute zollt man mir dafür Respekt, und ich muss aufpassen, dass meine „Verrücktheit“ nicht als Markenzeichen missverstanden wird.
Als ich so zwischen acht und vierzehn Jahre alt war, habe ich öfter mal einen „Ausraster“ gekriegt. Es ging um Kleinigkeiten, aber ich hatte richtige Tobsuchtsanfälle, bei denen ich mich nicht mehr kontrollieren konnte. Meine Geschwister lachten meistens darüber, und um mich noch mehr anzuheizen, riefen sie: „Na, kriegt der Kleine wieder seinen Anfall?“ Diese Provokationen verfehlten ihre Wirkungen selten. Meistens endete die Sache damit, dass ich unter die Dusche gezerrt und mit kaltem Wasser abgespritzt wurde.
Ich lebte ständig in einer Phantasiewelt, redete und spielte endlos mit mir alleine und war dabei total glücklich. Ich konnte herrlich träumen, auch tagsüber. Es kam zum Beispiel mehr als einmal vor, dass ich erst in der Schule merkte, dass ich meine komplette Schultasche zu Hause vergessen hatte. Meine Spezialität: Mummy fragte mich, ob ich irgendetwas aus dem Keller holen könnte; kaum war ich dort angelangt, hatte ich vergessen, was ich eigentlich besorgen sollte. Statt dessen fing ich dort an zu spielen und kam erst Stunden später wieder nach oben - ohne etwas mitzubringen.
Alles Dinge, an die man sich heute mit einem Lächeln erinnert. Doch es hätte auch anders kommen können. Wenn ich heute erfolglos und ohne Arbeit wäre, oder ein gesellschaftlicher Versager, dann würden viele feststellen: Das hat man ja schon damals so kommen sehen! Es ist eben nur eine hauchdünne Linie zwischen gut und böse, oben und unten, Glück und Unglück, normal und verrückt.
Viele Zufälle und Kleinigkeiten stellen die Weichen in unserem Leben, wohin es mit uns geht. Einige Freunde von mir kamen wegen irgendwelcher Dummheiten ins Gefängnis. Das hätte mir genauso gehen können. Ich hatte nur das Glück, damals nicht erwischt worden zu sein.
Ein ehemaliger Klassenkamerad von mir berechnet heute hauptberuflich die Umlaufbahnen von Planeten und Sternen, einer meiner besten Freunde ist Arzt (Spezialgebiet: die chemische Zusammensetzung von Medikamenten ) - und wir alle kamen aus derselben Schulbank. Wer ist denn jetzt eigentlich verrückter: Der, der die Umlaufbahnen berechnet, der, der 14 Stunden am Tag wegen irgendwelcher Formeln durch ein Mikroskop guckt, oder dieser Vogel, der sich mit Musik über Wasser hält?
In meinen Augen gibt es nichts Langweiligeres als den Zustand der Normalität. Dafür lohnt es sich, meiner Meinung nach, am wenigsten zu leben... . Wie hört sich das an: „Ich stand morgens pünktlich um acht Uhr auf, um wie immer mein Frühstück (Tageszeitung, Käse, Kaffee, Fünf-Minuten-Ei) zu mir zu nehmen, um dann zur Arbeit zu fahren. Der Tag verlief ohne besondere Vorkommnisse. Abends war ich dann wie jeden Donnerstag beim Sportverein und hab nachher noch ein bisschen Fernsehen geguckt... .“ Immer nur normal zu sein, das ist für mich Wahnsinn!
Zu leben bedeutet für mich etwas anderes: Zu spät aufwachen, zum Bus rennen, sich auf der Arbeit streiten, irgendwo einem fremden Menschen begegnen, dem man zu lange in die Augen schaut, weil man sich aus irgendeinem Grunde verbunden fühlt usw.
Jeder Mensch hat einen Dachschaden, mal ist er größer, mal kleiner. Die Kunst ist es, mit dem Dachschaden zu leben, ihn an sich selbst zu akzeptieren und damit umzugehen. Eigenheiten an sich zu haben, etwas, das andere nicht haben - das macht die Persönlichkeit jedes einzelnen aus. Die graue Masse ist von so etwas immer irritiert und reagiert deshalb extrem: bewundernd oder verachtend, aber fast nie gelassen. Deshalb sollte man nicht allzu viel darum geben, was andere Leute von einem denken. Hauptsache, man weiß noch selber, wer man ist, und kann noch über sich lachen, wenigstens manchmal.
Verrückt oder normal? Manche Leute ziehen lieber graue Pullover an, manche lieber bunte. Ich würde mich immer für die bunten entscheiden... !


Mit freundlicher Genehmigung vom Fischer Taschenbuch Verlag Oktober 2008
Aus dem Buch „Reif für die Klapse“ von Marie Luise Knopp